© Tages-Anzeiger, 19.9.2001

Im ersten Geopark der Schweiz durchstreift man entlang dem Wildbach Breggia etwa 80 Millionen Jahre Erdgeschichte.

Wer die Gole della Breggia nicht kennt, würde an diesem Ort kaum ein Naturdenkmal vermuten. Wir haben die Autobahn A 2, von Norden her kommend, bei der Ausfahrt Chiasso verlassen, sind den Wegweisern „Centri commerciali“ gefolgt und zum Einkaufszentrum Centro Breggia eingebogen. Links Parkplätze, rechts ein kanalisierter Bach. Wir beginnen uns schon zu fragen, ob wir wohl richtig sind, als wir die Naturstrasse sehen, die zum Mulino del Ghitello führt. Von hier an zieht sich der Geopark auf anderthalb Kilometern der Breggia entlang aufwärts.

Die Sprache der Steine

Der Bach hat sich tief in die Landschaft gegraben und eine aussergewöhnlich vollständige Abfolge von Gesteinsschichten freigelegt. Sie entstanden aus Sedimenten, die sich während der Jura- und der Kreidezeit in der Tiefe des Tethysmeeres abgelagert hatten. Sie wurden, während sich die Alpen bildeten, aufgefaltet. Heute liegen die Schichten da wie die Blätter eines Buchs, das die Geschichte von 80 Millionen Jahren lückenlos erzählt.

Bloss: Dem Laien ist die Sprache dieses Buchs fremd. Er sieht wohl die spektakulären Gesteinsformationen, die Falten und Windungen in der Breggia-Schlucht. Sicher fallen ihm auch abrupte Veränderungen auf – zum Beispiel dort, wo plötzlich heller Kalkstein eine auffällig rötliche Schicht ablöst. Aber er hat keine Ahnung, warum das so ist. Nur Fachleute können im Gestein lesen. Nur sie erkennen etwa die Spuren eines riesigen Unterwasser-Erdrutsches vor 160 Millionen Jahren.

Dieses Wissen will der Geopark, der einen Quadratkilometer umfasst, zugänglich machen. Zunächst wurde das Wegnetz durch die Gole della Breggia ausgebaut. Höhepunkt ist der neue Holzsteg Ponte del Farügin, der die Schlucht an ihrer schmalsten Stelle überquert. Er schwankt unter jedem Schritt, während der Bach 35 Meter tiefer unten zum Wasserfall wird. Doch es gibt keinen besseren Aussichtspunkt.

Zur Eröffnung des Parks ist ein schmaler Führer auf Italienisch erschienen, der Gesteine, Tiere und Pflanzen sowie historische Bauten vorstellt. Dazu gehört auch ein Zeuge der jüngeren Industriegeschichte: Mitten im Park steht das alte Zementwerk der Firma Saceba, die hier bis in den Siebzigerjahren den Kalkstein ausgebeutet hat.

Ende Jahr wird eine geologische Exkursionskarte vorliegen, die später auf Deutsch übersetzt werden soll. Im kommenden Frühling, so verspricht Markus Felber vom Naturhistorischen Museum des Kantons Tessin, sollen im Park auch erklärende Tafeln aufgestellt werden. Doch sonst soll der Geopark, der auch vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten beherbergt, möglichst naturbelassen bleiben.

Wer nun auf die Erdgeschichte neugierig geworden ist, findet im Südtessin noch eine andere Attraktion: den Monte San Giorgio. Er birgt einzigartige Fossilien von Meeressauriern und Fischen. Der Ceresiosaurus wurde zwei bis drei Meter lang, andere Saurier 30 bis 40 Zentimeter. Abgüsse sind im kleinen Fossilienmuseum im Gemeindehaus von Meride zu sehen. Die Fundstellen im Gelände sind völlig unspektakulär.

Tipps

Anreise: Ab Bahnhof Chiasso mit Postauto nach Morbio Inferiore. Mit dem Auto via Chiasso (siehe Bericht). Der Park ist von den angrenzenden Gemeinden Morbio Inferiore, Morbio Superiore, Castel San Pietro und Balerna aus frei zugänglich.

Dauer: Der Rundgang dauert etwa zwei Stunden.

Baudenkmäler im Park: Chiesa Rossa in Castel San Pietro (1345); die Fresken sind durch ein Fenster zu sehen. Mulino del Ghitello, Morbio Inferiore (um 1606); renoviert, umfasst Mühle und Ölpresse. Hier sind Direktion und Dokumentationszentrum.

Essen: „Locanda del Ghitello“, Tel. (091) 682 20 61. „Grotto del Mulino“, Tel. (091) 683 11 80; Di geschlossen (beide Restaurants in Morbio Inferiore).

Auskünfte: Tel. (091) 690 10 29 (vermittelt auch Führungen). www.parcobreggia.ch

Fossilienmuseum: Von Mendrisio SBB mit Postauto nach Meride. Auto: A 2 bis Mendrisio, Schnellstrasse Richtung Stabio bis Ausfahrt Rancate, dann über Besazio nach Meride. Geöffnet 8 bis 18 Uhr, Tel. (091) 646 37 80.

 
Felsenfest ist nichts: Auch Gebirge haben eine bewegte Geschichte, hier an der Breggia.